Schule im Wandel – Was brauchen Kinder heute, um gut zu lernen?

Am 16. November 2016 war Prof. Dr. Hurrelmann als renommierter Erziehungswissenschaftler in der Moser Schule, um vor Lehrern und interessierten Eltern einen Vortrag über die Veränderungen in der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche zu halten. Davon ausgehend wurde dann der Bogen zur Situation in Schulen und zum Bedarf nach Veränderung geschlagen. Der Vortrag war gut besucht, sodass erfreulich viele von den kurzweiligen Ausführungen und lebenspraktischen Tipps profitieren konnten.

Fakt ist laut Prof. Dr. Hurrelmann, dass die Kinder und Jugendlichen heutzutage weitaus flexibler sein müssen, als es bei früheren Generationen der Fall war. Doch aufgrund dieser geforderten Flexibilität fällt es Kindern und Jugendlichen zunehmend schwerer, Entscheidungen zu treffen. Sie sondieren, wollen sich nicht zu früh festlegen und warten ab, ob sich nicht noch etwas Besseres ergibt. Häufig wird eine Kosten-Nutzen-Relation vollzogen, die einigen egoistisch vorkommen mag, aber im Zeitgeist begründet liegt. Die Welt wird zunehmend digitaler und direkter; aktuell scheint es, dass Kinder und Jugendliche damit gut zurecht kommen. Dennoch benötigen sie Unterstützung, um hier Souveränität zu entwickeln. Man darf jedoch Unterstützung nicht mit Überfürsorge verwechseln. Die Selbstständigkeit der Kinder sollte gefördert und nicht blockiert werden.

Unsere aktuelle Schülerschaft wird nach erfolgreichem Schulabschluss gebraucht werden, was sehr erfreulich ist. Die Unternehmen werden Kontakte zu Schüler/innen knüpfen, um sie früh an sich zu binden. Durch eine wirtschaftlich sicherere Situation werden die Kinder und Jugendlichen auch politisch aktiver werden, weil sie die Ressourcen dafür haben und selbstbewusste Persönlichkeiten sind.

Doch was heißt dies für die pädagogische Arbeit?
Es gibt einen Anspruch nach hohen Abschlüssen; das Abitur wird bald zur Grundvoraussetzung. Für etliche Jugendliche zählt der Abschluss selbst dabei mehr als der zu lernende Inhalt. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass insbesondere Mädchen zunehmend bei Abschlüssen punkten und somit in attraktive Studiengänge drängen. Die Geschlechtsrollenbilder der Mädchen haben sich verändert; das „K“ für Karriere gehört für viele nun selbstverständlich dazu. Diese hochgesteckten Ziele machen sie agil und leistungsfähig. Dennoch haben sie ein kritisches Verhältnis zu sich, sind weniger selbstbewusst als mancher Junge und suchen dadurch Fehler bei sich. Da sie tatsächlich auftretende Fehler dann aber korrigieren, entwickeln sie sich positiv weiter. Die Geschlechtsrollenbilder der Jungen sind dagegen statischer. Warum man zum „K“ der Karriere noch „K“s für Kinder oder Ähnliches stellen soll, erschließt sich nicht jedem. Auch Fehler werden seltener bei sich gesucht, die Entwicklung geht dadurch teilweise langsamer voran. Hilfreich wäre es, Jungen zu ermuntern, sich breiter aufzustellen, selbstkritischer an manche Dinge heranzugehen.
Bezogen auf das Internet lässt sich laut Prof. Dr. Hurrelmann feststellen, dass Kinder und Jugendliche damit sehr selbstverständlich umgehen und die Offenheit genießen. Dennoch muss dringend die Medienkompetenz gestärkt werden, damit sie sich im Netz weder selbst gefährden noch anderen schaden. Auch der Gefahr des Narzissmus muss entgegen getreten werden.

Insgesamt drückt die Unplanbarkeit des Lebens nicht aufs Gemüt; die Kinder und Jugendlichen sind optimistisch-pragmatisch. Sie genießen, dass nicht alles vorgezeichnet ist und sie kein Leben mit Leitplanken führen – und dennoch benötigen sie einen klaren Rahmen, der gewisse Grenzen absteckt.

Wie wird man diesen Kindern und Jugendlichen nun gerecht?

Sie benötigen eine zunehmend individualisierte Förderung mit digitalen Möglichkeiten und wenig standardisierte Unterrichtsabläufe. Sie wollen Mehrdeutigkeiten erleben und spielen. Es muss wiederholt eine Stärken – und Schwächenanalyse erfolgen und daran angeknüpft werden. Medien müssen produktiv eingesetzt werden, um die Schülerschaft fit für die Berufswelt zu machen. Und auch das Lernen sollte medialen Erfahrungen wiederholt angepasst werden – junge Leute bringen eine Mentalität mit, die auf jedem Level ein Feedback und viel Selbstbeteiligung wünscht. Lehrer/innen müssen dadurch ihre Rolle verschieben; sie sind im Wissen nur noch begrenzt überlegen, da sich vieles heute googeln lässt. Und doch sind sie überlegen in Organisation und Lebenserfahrung und können dadurch anregende Lernarrangement gestalten. Die Schüler/innen werden wiederum zunehmend selbst zum Manager ihrer Lernprozesse und werden verstärkt in Team- und Projektarbeit geschult. Sie wollen sich selbst beurteilen lernen, selbst mitbestimmen wie und was sie lernen. Es geht zunehmend um Kooperation, gegenseitiges voneinander lernen und produktive Lernarrangements.

Doch wie gelingt es, den Kindern und Jugendlichen Selbstverantwortung beizubringen? Sie auch im Tal der Pubertät zu motivieren? Sie mit ins Boot zu holen?

Die Moser Schule hat sich in den verschiedensten Bereichen bereits auf den Weg gemacht. Stärken- und Potentialanalysen werden regelmäßig durchgeführt, die modernen Medien werden funktional eingesetzt, die Medienkompetenz wird wiederholt geschult. In Projektwochen wird jahrgangs- und fachübergreifend gearbeitet, im Alltag ist sowohl Stationen – als auch Gruppen- und Partnerarbeit Usus. Vor den Weihnachtsferien dürfen die Oberstufenschüler die jüngeren Schüler unterrichten und vieles andere mehr. Und doch liegt noch ein weites Feld vor uns, um uns auch für den regulären Alltag noch stärker auf diese neuen Anforderungen einzustellen, noch häufiger vernetzt zu arbeiten oder weitere offene Lernarrangements zu schaffen. Wir freuen uns, diesen Weg mit Ihnen und unseren Schülerinnen und Schülern gemeinsam zu gehen und sind gespannt, was wir noch alles voneinander lernen können!

Daniela Plümecke