DeMotiviert?

Woher kommt der innere Antrieb, etwas wissen zu wollen, auch wenn es Mühe erfordert? Und wie kann dieser Motor in Gang gebracht werden?

Einen anderen Menschen motivieren zu wollen, ist ungefähr so, als wolle man ihm Hunger beibringen, sagt Gehirnforscher Manfred Spitzer. Wahre Motivation lässt sich nur aus eigenem Antrieb „anknipsen“. Die jeweiligen Umweltbedingungen können Kinder aber dabei unterstützen, sie fördern oder durch ungünstiges Verhalten bremsen.

Wieviel Lust ein Schüler auf das Lernen hat, ist ein Zusammenspiel vieler Komponenten sowie der jeweiligen Entwicklungsphase. So wird z.B. in der Pubertät das Gehirn „umgebaut”, mit dem Effekt, dass das Belohnungssystem viel stärkere Reize benötigt, um aktiviert zu werden, wodurch die Motivation häufig sinkt. Erst mit dem 20. Lebensjahr ist dieser Umbau abgeschlossen. Grundsätzlich spielen sowohl Veranlagung als auch frühe Erfahrungen eine Rolle. Aus inneren und äußeren Antriebsquellen speist sich die Motivation. Dabei ist die so genannte „intrinsische“ die stärkste und wertvollste Form der Motivation: Schüler lernen in eigener Regie und mit Begeisterung. Im besten Fall hat ein Kind irgendwann akzeptiert und verinnerlicht, dass Lernen sinnvoll ist, selbst wenn es mal langweilig und anstrengend ist.

Doch der Leistungsmotor kann auch ganz anders funktionieren: Dann pauken Schüler, um Lehrern oder Eltern einen Gefallen zu tun, ein Geschenk zu erhalten, ihr Image zu verbessern oder keinen Ärger zu bekommen. Diese „extrinsische“ Motivation ist immer an Konsequenzen orientiert und auf Dauer störanfällig. So wirken Belohnungen, wie fünf Euro für eine Eins, nur zeitlich begrenzt, und das Kind lernt nur auf äußeren Druck und dazu noch recht oberflächlich. Nur wenn bei einem Kind die Eigenmotivation gänzlich verschüttet ist, braucht es einen äußeren Anreiz als Anschubhilfe. Genauso würden angedrohte Strafen auf Dauer beim Kind keine eigene Willenskraft aufbauen. Wer dagegen selbstmotiviert übt, erzielt bessere Ergebnisse und hat mehr Spaß daran. Der innere Antrieb steigert Interesse und Ausdauer, stärkt die Konzentration und macht manchmal das Lernen selbst zu einem Erlebnis (Flow-Gefühl).

Geprägt von Eltern und (Schul-) Erlebnissen ist auch die Vorstellung, die Schüler von ihrem Können haben. Wer verinnerlicht hat, dass er bessere Leistungen erzielt, je mehr er sich anstrengt, ist eher bereit, Arbeit zu investieren. Dagegen ist die Überzeugung, Noten seien von äußeren Faktoren abhängig, ein Motivationskiller. In meiner Arbeit mit Schülern beziehe ich daher auch neuere Motivationstheorien mit ein, u.a. die der jeweiligen Ursachenzuschreibungen (Attribution). Gemeint sind damit die inneren „Erklärungen“ eines Schülers in Bezug auf das Ergebnis und die Ursachen von Erfolg oder Misserfolg. Diese sind entscheidende Einflussfaktoren von Emotion und Motivation. Interessant ist vor allem, worauf Leistungsunterschiede attribuiertwerden. Sie variieren von Person zu Person, wodurch individuelle Attributionsmusterentstehen, die sich im Wesentlichen in drei Dimensionen einteilen lassen. 1. Lokalisation (Ursache innerhalb oder außerhalb der eigenen Person begründet – wie Glück oder Anstrengung?) 2. Stabilität (Ursache dauerhaft wirksam oder nur vorübergehend?) 3. Kontrollierbarkeit (kann ich auf Ursache einwirken oder nicht?).

Wenn jemand z.B. in einer Prüfung scheitert, will er verstehen, warum dies geschieht. Nur dann kann er die Ursache verändern und im nächsten Versuch ein besseres Ergebnis erzielen. Werden Erfolge auf externale (Glück) und Misserfolge auf internale (stabile Fähigkeitsmängel) Ursachen zurückgeführt, wirkt sich dies negativ auf die Motivation aus, da damit die Bereitschaft untergraben wird, sich anzustrengen (es gäbe ja keinen Sinn, sich besonders anzustrengen, wenn man – weil man die erforderlichen Fähigkeiten sowieso nicht besitzt – trotzdem keinen Erfolg zu erwarten hat).

Im Lerncoachingzielen meine Intentionen zur Steigerung der Lernmotivation daher zunächst nicht auf bessere Leistungen ab, sondern auf eine Verbesserung der Selbstbestimmtheit, des Wohlbefindens, der realistischen Zielsetzung, der Attributionenetc. Ich versuche die Schüler zu realistischen und lernförderlichen Ursachenzuschreibungen zu führen und erkläre ihnen, dass durch eine Verbesserung des Lernverhaltens (regelmäßiges Nacharbeiten des Unterrichtsstoffs, Überprüfen des eigenen Verständnisses, sorgfältige Vorbereitung auf Klassenarbeiten) die schulischen Leistungen erheblich gesteigert werden können. Zudem übe ich mit den Schülern Lernstrategien, was meistens zu einer Verbesserung z.B. bei Klassenarbeiten führt. Auf Grundlage dieser positiven Erfahrung beginnt der jeweilige Schüler, die Gründe für seine schulischen Leistungen neu zu bewerten. Ich leite sie darin an, Erfolge auf internale (z.B. wachsende Kenntnisse und sorgfältigeres Arbeiten), Misserfolge hingegen auf variable (z.B. unzureichende Bemühungen) zurückzuführen. Wichtig für gelingendes Lernen ist in diesem Zusammenhang, dass der Schüler in der Lage ist, angemessene Erklärungen heranzuziehen, um Situationen besser verstehen zu können und zukünftiges Handeln effektiver zu gestalten.

Was können Eltern tun, um die Entwicklung der Eigenmotivation ihres Kindes zu unterstützen?

Ein für alle gültiges Patentrezept für bessere Motivation gibt es nicht, jedoch können Eltern ein paar lernförderliche Dinge tun. So wirkt es sich positiv aus, wenn Eltern zwar Interesse an Lernthemen zeigen, ihr Kind aber grundsätzlich zur Selbstständigkeit erziehen, d.h. frühzeitig zum eigenständigen Organisieren von Hausaufgaben und selbstverantwortlichen Umgang des Lernens anleiten. Das meint keine Laisser-faire-Haltung, wo es dem Kind freigestellt ist, ob Hausaufgaben gemacht werden, sondern wie und wann. Strukturen und Rituale sind wichtig, aber für den Aufbau der Eigenmotivation beim Kind ist es entscheidend, dass es möglichst selbst auf die Lösung gekommen ist. Nach dem Motto: Hilf mir, es selbst zu tun.

Auch starke Kontrolle, zu hohe Erwartungen und Leistungsdruck bremsen den inneren Motor. Ich liebe dich, egal wie deine Noten sind, ist eine gute Botschaft und für das Kind emotional hilfreich. Ebenso wie Trost, wenn eine Arbeit in den Sand gesetzt wurde und Hilfestellungen, um Misserfolge konstruktiv zu verarbeiten. Wenn Eltern das Lernen ihrer Kinder interessiert begleiten, bemerken sie Fortschritte meist eher als Lehrer, weil sie ihr Kind besser kennen. Dann können sie positive Ansätze mit Lob verstärken. Eltern sollten genau sagen, was ihnen gefallen hat, so werden dann nicht nur gute Noten gewürdigt, sondern auch der Weg dorthin. Manchmal ist auch Kritik notwendig, aber dann sollte weniger die schlechte Zensur thematisiert werden, sondern vielmehr die aufgewendete Mühe: „Ich glaube, du hast dich zu wenig angestrengt, das kannst du besser.” Kritik sollte konkret formuliert und keine Herabwürdigung des Kindes sein. Um das eigene Kind zum „Dranbleiben” zu ermutigen, können schon mal kleine Belohnungen in Aussicht gestellt werden, wenn diese richtig eingesetzt werden. Am sinnvollsten ist nicht ein materieller Bonus, sondern ein schönes Erlebnis, das Eltern und Kind miteinander teilen. Am meisten sollte der Fokus aber darauf gerichtet sein, dass sich das Kind unabhängig von „Verstärkern” an der eigenen Kompetenz freut und sich erreichbare Ziele setzt.

Ramona Hettwer

Integrative Lerntherapeutin, Sozialpädagogin